Der 30 Watt PC


Spätestens seit der Cebit 2008 ist Green IT in aller Munde und das nicht nur bei Serverbetreibern. Zwar spielt hier die Energieeffizienz aufgrund ihrer direkten Auswirkungen auf den Geldbeutel eine ungleich wichtigere Rolle, jedoch lässt sich auch bei jedem Anwender vor der eigenen Haustür eine Menge einsparen. AMD und Intel übertrumpfen sich in letzter Zeit mit Ankündigungen energieeffizienter Modelle der festgefahrenen Produktpalette, zukünftig sind 45W TDP das Maß der Dinge. Die allgegenwärtige Frage ist jedoch eine ganz andere: entwickelt die Computerindustrie nicht am Bedarf der Anwender vorbei?

Seit Gordon E. Moore 1965 seine goldene Regel aufstellte, hat sich diese selbsterfüllende Prophezeiung alle 18 Monate aufs Neue bewahrheitet und die Entwicklung bei Transistorzahl, Energiebedarf, aber auch Rechenleistung kannte nur eine Richtung: steil nach oben. In Zeiten jedoch, in denen immer noch eine beträchtliche Anzahl von Privatanwendern und ein Großteil der Büro-PCs ein Betriebssystem aus dem Jahr 2001 einsetzen, muss man sich die berechtigte Frage stellen: wer außer Spielern und Enthusiasten braucht tatsächlich soviel PC, wie derzeit geboten wird?

[break=Revolution von unten]
Bereits vor über einem halben Jahr, als wir dem Atom in unserem zweiteiligen Review Auf zum Atom! und Auf zum Atom! Teil 2 auf die Innereien blickten, waren wir vor allem von einer Tatsache enttäuscht: dass AMD den von Asus losgetretenen Trend scheinbar nicht nur komplett verschlafen hatte, sondern auch nicht in der Lage war, angemessenes Krisenmanagement zu betreiben. Damals machte noch das Gerücht über einen auf 1 GHz getakteten Singlecore K8 die Runde, der "in Kürze" erscheinen sollte. Heute, rund sieben Monate später, wissen wir: alles Quatsch. Bis heute hat AMD nicht auf den Atom reagiert und glaubt man den offiziellen Ankündigungen, wird man Intel dieses Segment kampflos überlassen. Die angekündigte Yukon-Plattform mit 1,6 GHz Neo-Prozessor zielt auf das nächst höhere und performantere Segment (kleines Déjà-Vu am Rande: hat man das nicht auch ursprünglich vom phantasmisch-mystischen 1 GHz K8 behauptet?)

Der Erfolg der Atom-befeuerten Netbooks zeigt sehr eindrucksvoll, dass in diesem Segment Leistung nur eine zweite Geige spielt. Solange die Leistung in ausreichendem Maß vorhanden ist, so dass sie nicht als bremsendes Element auftritt, interessieren sich die Anwender nicht dafür. Um ein wenig im Internet zu surfen, Mails abzurufen, das eine oder andere Flash-Spielchen zu genießen und einen Text zu schreiben, braucht es mitnichten einen Prozessor der 65-140W Klasse, der seine Muskeln ohnehin nur bei HD-Inhalten, modernen Spielen oder Aufgaben wie professionell oder hobbymäßig betriebener Video- und Bildbearbeitung spielen lassen kann. Die meiste Zeit über langweilt sich selbst ein 3 GHz Phenom II X4 940 im stark taktreduzierten Leistungszustand und dreht gelangweilt Däumchen.

Eine Frage der Vergleichbarkeit
Somit steht auch gleichzeitig fest, dass die Messlatte zur Bewertung eines Atom-betriebenen PCs eine ganz andere sein muss, als die zur Bewertung eines Spiele-PCs, eines HTPCs, oder einer professionellen Workstation. An dieser Stelle habe ich in der Vergangenheit immer wieder zum Vergleich im Automobilbereich gegriffen: jedes Fahrzeug hat seine Daseinsberechtigung. Mit einem Kleinbus kann man sowohl schwere Lasten schleppen, als auch bei Bedarf Sonntag früh zum Bäcker ums Eck fahren. Wer jedoch ausschließlich Fahrten vom Typ "Sonntag früh zum Bäcker" durchführt, der kann dies auch mit einem deutlich effizienteren, kleineren und nicht nur im Betrieb günstigeren Kleinwagen wie dem Smart erledigen und erleidet dabei keinerlei Nachteile gegenüber seinem Mitbürger, der glaubt, für solche Aufgaben unbedingt einen 2,5t schweren SUV auffahren zu müssen.

Genauso gilt natürlich aber auch anders herum, dass man mit einem Atom-basierten PC nicht alle Aufgaben genauso gut erledigen kann, wie dies mit einem Dualcore Desktop-PC möglich ist. Viele Anwender sind im Nachhinein von der Leistung eines Atom-basierten Netbooks oder Nettops enttäuscht, weil die Erwartungshaltung von Anfang an eine falsche war und die Geräte als vollwertiger Ersatz für Multimedia- oder Spiele-PCs dienen sollten.

[break=Computer for the rest of us]
Betrachtet man den Durchschnitt der Heimanwender, und dazu darf man die Leser von Planet 3DNow! als technikaffine Computerinteressierte Anwender natürlich nicht zählen, dann ergibt sich ein ganz anderes Bild, als das größtenteils in Foren und Fachpublikationen propagierte. Die wenigsten unserer Leser würden sich verständlicherweise mit der Leistung eines Atom-PCs zufrieden geben, jedoch sind auch hier die Anforderungen an Hardware ganz andere. Fairerweise muss gesagt werden, dass sich die Hardwareansprüche unserer Leser massiv von denen eines durchschnittlichen Heimanwenders unterscheiden. Betrachtet man das alljährliche Angebot großer Lebensmitteldiscounter könnte glatt der Eindruck entstehen, wir Deutschen wären ein Völkchen von professionellen Videoschnitthobbyisten, Multimediafanatikern, verfügen alle über zwei Monitore und einen Full-HD Plasma-Fernseher, natürlich alle drei gleichzeitig am PC angeschlossen, eine 7.1 Musikanlage feinster Qualität und schauen natürlich tagein tagaus nicht nur per DVB-S fern, sondern nehmen auch jede Sendung auf und wandeln sie on-the-fly in ein platzsparenderes Format um. Wir wollen nicht bestreiten, dass es solche Anwender tatsächlich gibt, defakto liegen in den meisten Fällen die Fähigkeiten eines hierfür geeigneten und von den Discountern als absolutes Muss für jedermann angepriesenen Multimedia-PCs jedoch brach.

Und genau in diese Sparte schlagen immer mehr Hersteller auch mit Atom-befeuerten Desktop-PCs, in Anlehnung an die Netbooks häufig Nettops genannt. Diese Winzlinge haben überhaupt nicht den Anspruch, im Revier von Core 2 und K10 zu wüten und die neuesten Spiele oder Full-HD Videos in 1080p flüssig darstellen zu können, hobbymäßige Video- oder professionelle Bildbearbeitung zu ermöglichen, oder neue Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen. Es ist zwar natürlich möglich, genauso wie man auch einen Umzug mit einem Smart erledigen kann, jedoch nicht Hauptaufgabe eines solchen Computers. In diesem Sinne können sich heutige Netbooks und Nettops als direkte Nachkommen in einer Linie mit Apples iMac sehen – was damals mit dem leistungsmäßig weit unter dem Durchschnitt liegenden, aber trotzdem enorm erfolgreichen "Computer for the rest of us" begonnen hat, setzt sich heute in Form des Nettops, der die Anforderungen eines Heimanwenders bedingungslos zu erfüllen gedenkt, nahtlos fort. Denn wenn Prozessoren bei normalen Aufgaben sowieso ausschließlich mit stark reduziertem Takt arbeiten stellt sich unweigerlich die Frage, ob ein langsamer Prozessor, der im Gegenzug deutlich günstiger und energieeffizienter ist, nicht genauso reicht. Oder etwas platonischer formuliert: wie viel Computer braucht der Mensch?

Um dieser Frage nachzugehen, hat uns Elitegroup mit dem MD100 freundlicherweise einen Atom-befeuerten günstigen Desktop-Computer zur Verfügung gestellt. Zwar hätten wir natürlich auch gerne zusätzlich einen AMD-basierten Rechner dieser Klasse im Test gehabt, leider ist jedoch auch über ein halbes Jahr nach unserem ersten Atom-Review kein passendes AMD-Produkt in Sichtweite, so dass wir uns weiter in Geduld üben müssen.

[break=Und was ist mit Benchmarks?]
Entgegen der bisherigen Gewohnheiten haben wir diesmal auf die sonst üblichen Benchmarks verzichtet, da uns der Sinn einer solchen Aktion höchst fragwürdig erschien. Zum einen ist durchaus bekannt, dass der Atom es nicht mit der deutlich höher getakteten und ungleich komplexeren K8 und Core2-Konkurrenz aufnehmen kann. Zweitens haben wir bereits Tests mit genau dieser Plattform durchgeführt, die den ersten beiden Teilen unseres Atom-Reviews vom Juli 2008 entnommen werden können.

Stattdessen haben wir uns für einen Praxistest entschieden und den PC im Büro- und Heim-PC-Alltag getestet. Eine Woche lang musste er tagtäglich unter Beweis stellen, ob er einen deutlich teureren, aber auch schnelleren PC ersetzen kann. Zum Vergleich musste ein durchschnittlicher schneller Athlon 64 X2 5200+ dienen. 3D-Anwendungen kamen logischerweise nicht zum Einsatz, da sie weder dem typischen Einsatzszenario eines Atom-basierten PCs entsprechen, noch im normalen Arbeitsablauf überhaupt vorkommen. Es sollte auch niemand ernsthaft erwarten, dass der Atom in punkto 3D-Leistung brilliert. Kritiker verweise ich an dieser Stelle wieder auf den Smart – Kleintransporter Vergleich – natürlich kann man mit dem Smart auch große und schwere Lasten transportieren, wirklich komfortabel ist es allerdings nicht. Wichtiger war es uns herauszufinden, ob ein Atom-basierter PC für einfach Aufgaben wie Textverarbeitung, Surfen im Internet, Arbeiten mit Outlook/Thunderbird, Erstellung von Tabellen und Präsentationen und ähnlich gearteten Aufgaben ausreicht, oder ob hier tatsächlich ein hochgetakteter Dualcore, der die meiste Zeit in hohen P-States oder im Tiefschlaf verbringt, nötig ist – eine Behauptung, die nicht nur in unserem Forum schon häufiger geäußert wurde, sondern auch von anderen Redaktionen. Zugrunde liegt solchen Behauptungen in der Regel die Annahme, dass von den Ansprüchen der Redakteure, die allgemeinhin als Profis zu bezeichnen sind und Arbeiten durchführen, die jedem Privatanwender wie ein Buch mit sieben Siegeln anmuten, auf die Ansprüche der Allgemeinheit extrapoliert werden kann. Es bleibt an dieser Stelle jedem selber überlassen, ob diese Annahme tatsächlich der Realität entspricht oder nicht.

[break=Der 30 Watt PC]
Der Elitegroup MD100 kommt, wie alle aktuellen Atom-PCs, mit Intels 945GC-Chipsatz, was in Anbetracht des enormen Stromsparpotenzials der CPU etwas perfide erscheint. So ist auch der Chipsatzkühler deutlich größer als der Prozessorkühler, beide jedoch passiv ausgelegt. Ein geregelter 60mm Gehäuselüfter sorgt für frischen Wind im engen Gehäuse.
  • Prozessor: Intel Atom 230
  • Chipsatz: Intel 945GC
  • Grafikkarte: Intel GMA950 Onboard
  • Anschlüsse: 4x USB 2.0, 1x VGA D-Sub, 2x RJ45 (LAN), 1x Seriell, 2x PS/2
  • Festplatte: 1x 3,5" S-ATA intern
  • Arbeitsspeicher: 1x DDR2-SDRAM SO-DIMM
  • Abmessungen: 27 x 20 x 6 cm (Höhe x Tiefe x Breite)

Elitegroup MD100 Frontansicht Elitegroup MD100 Rückansicht

Elitegroup MD100 Innenansicht

Ausgestattet mit einem 2GB DDR2-SDRAM Modul und einer 320GB Festplatte zog der gesamte PC ohne Monitor im Leerlauf gerade mal 34 Watt aus der Steckdose. Der Wert steigt unter Last nur geringfügig auf 36 Watt, da der verbaute Atom-Prozessor über keinerlei Stromsparmechanismen verfügt und auch im Leerlauf bei vollem Takt und voller Spannung läuft. Da der Prozessor aber nur eine TDP von 4 Watt hat, wäre der Unterschied ohnehin minimal.
Elitegroup MD100 Innenansicht

Auf beiden Test-PCs haben wir aus Gründen der Vergleichbarkeit Windows XP SP3 betrieben, der K8 war mit 4GB DDR2-SDRAM und ebenfalls einer 320GB 7.200rpm Festplatte ausgestattet. Die "Tests" bestanden im wesentlich darin, mit beiden Computern ähnlich geartete (oder, wenn möglich, die gleichen) Aufgaben durchzuführen und besonderes Augenmerk auf eine potenzielle Verlangsamung des Arbeitsflusses beim Atom-PC zu legen.

[break=Praxisbericht]
Office-Suite
Erwartungsgemäß pflügt selbst der verhältnismäßig schwache Atom-Prozessor mühelos durch den Office-Suite-Acker, denn der Mensch, der einen solchen Prozessor mit seiner Tippgeschwindigkeit zum Schwitzen bringt, muss noch erfunden werden. Sowohl mit Microsoft Office in den Versionen XP, 2003 und 2007, als auch mit Open Office war eine bremsende Wirkung des MD100 nicht festzustellen. Die Ladezeiten der einzelnen Programme unterschieden sich dank der flotten Festplatte nicht von denen des schnelleren K8-basierten PCs. Bei langen Dokumenten mit über 100 Seiten zeigte lediglich Word XP die bekannten Schwächen und verursachte beim Scrollen oder Bearbeiten des Dokuments mitten im Text bei beiden Probanden 100% CPU-Last. Zwar lief Word XP auf dem Atom dadurch langsamer als auf dem K8, war jedoch auf beiden noch benutzbar. Mit den Versionen 2003 und 2007 sowie Open Office trat erwartungsgemäß auch bei langen Dokumenten jenweits der 100 Seiten keine Verzögerung auf.

Etwas anders die Situation bei Excel. Solang keine komplexen Makros zum Einsatz kommen, lassen sich Atom und K8 im Betrieb nicht voneinander unterscheiden. Beim Einsatz eines Makros, welches 12.144 Zeilen in zwei Spalten so abgleicht, dass in jeder Zeile der Wert in der rechten Spalte dem aus der linken entspricht, ist ein spürbarer Unterschied zwischen K8 und Atom zu vernehmen. Kaum verwunderlich, lastet das Makro den Prozessor doch für die gesamte Laufzeit zu 100% aus und benötigt selbst auf einem 1,7 GHz Pentium M über 35 Minuten, auf einem 3,0 GHz Core 2 Duo immer noch knapp 15 Minuten. Das einzig positive: da Excel nicht multi-threaded compiliert wurde und dadurch nur einen Kern voll auslastet, lässt sich auf dem Atom dank SMT ohne spürbare Einschränkungen weiterarbeiten. Bei anderen Aufgaben, wie der alphabetischen Sortierung der Spalte mit 12.144 Einträgen mit Hilfe der in Excel eingebauten Funktionen gibt sich der Atom keine Blöße und erledigt dies nur minimal schneller als der K8.

Bildverwaltung
Zur Bearbeitung und Verwaltung von digital aufgenommenen Fotos kam Googles Picasa zum Einsatz. Dabei war lediglich beim schnellen Scrollen durch die Miniaturansicht ein Ruckeln feststellbar, beim Öffnen der einzelnen Bilder nahmen sich die beiden Computer subjektiv nichts – beide waren schnell genug, um keine langen Mienen aufkommen zu lassen. Bei der Bearbeitung einzelner Bilder, die auf hohe CPU-Leistung angewiesen ist, lag der Atom erwartungsgemäß zurück und war spürbar langsamer als der K8, der die meisten Retuschearbeiten quasi unverzögert durchführte und das Ergebnis sofort anzeigte, während der Atom sich dafür abhängig von der Größe der Bilder zwischen einer und zwei Sekunden Bedenkzeit nahm. Selbst die Funktion "Auf gut Glück", die Helligkeit, Kontrast, Schwarzwert und Weißabgleich nach gründlicher Untersuchung des vorliegenden Bildmaterials automatisch anpasst, war auf dem Atom spätestens nach zwei Sekunden abgeschlossen.

Der Import von 100 Bildern über USB direkt aus der Kamera heraus in Picasa dauert auf beiden PCs gleich lang – hier stellte sich die Digitalkamera mit ihrer Übertragungsrate von nur rund 4 MB/s als das bremsende Element heraus.

Da auch im privaten Bereich digitale Spiegelreflexkameras immer beliebter werden, haben wir auch die Verarbeitung von RAW-Daten mit Hilfe von Adobes Lightroom 2 getestet. Einzig das Öffnen der Bilder zur Entwicklung dauerte mit rund 10s pro Bild auf dem Atom deutlich länger als die 3-4s auf dem K8, die Anwendung der einzelnen Maßnahmen wie Weißabgleich, Schärfe, Rauschreduzierung, Zuschnitt und Rotation waren anschließend subjektiv gleich schnell möglich. Auch beim Export in das komprimierte JPEG-Format brauchte der Atom aufgrund seiner im Vergleich zum K8 schwachen Leistung deutlich länger, was sich aber erst bei vielen gleichzeitig zu exportierenden Bildern bemerkbar machte.

Internet & E-Mail
Zum Einsatz kam neben dem in vielen Firmen verwendeten Internet Explorer 7 auch Mozilla Firefox 3.0. Abgesehen von stark Flash-lastigen Seiten war der Atom subjektiv gesehen gleich schnell wie der K8, sowohl was die Ladezeit, als auch die flüssige Darstellung der teilweise animierten Webseiten angeht. Bei stark Flash-lastigen Seiten muss sich der Atom erwartungsgemäß geschlagen geben. Zwar reicht die Leistung noch aus, um selbst bei einer Auflösung von 1.680x1.050 Flash-Videos flüssig darzustellen, bei vielen gleichzeitig animierten Flash-Elementen geht dem Atom jedoch spürbar die Puste aus. Dabei wird er nie wirklich unbedienbar, sondern nur spürbar langsamer. Java-Anwendungen testeten wir mittels der interaktiven Karte von Map24, die sich auf beiden Probanden flüssig bedienen lies und keine Unterscheidung zwischen dem schnelleren K8 und dem langsameren Atom ermöglichte.

Die Arbeit mit Outlook und Thunderbird war erwartungsgemäß ebenfalls auf beiden gleich schnell möglich. Aufgrund der wenig rechenintensiven Natur und der dadurch sehr niedrigen Anforderungen der E-Mail-Clients an die Computer keine echte Überraschung. Die Ver- und Entschlüsselung selbst langer Nachrichten mittels GPG und dem Thunderbird-Plugin Enigmail war auf beiden ohne Verzögerung möglich.

Windows Vista & Windows 7
Neben Windows XP SP3 haben wir auch den Betrieb mit Windows Vista und der aktuellen Beta von Windows 7 (Build 7000) getestet. Erwartungsgemäß fühlte sich Windows XP am flottesten an, wenn auch nur unwesentlich schneller als Vista. Einen Unterschied zwischen Windows 7 und Windows Vista konnten wir nicht feststellen. Bei den Startzeiten unterschieden sich die zwei erheblich von Windows XP und brauchen deutlich länger. Im Betrieb machte sich bei hohen Auflösungen die schwache 3D-Leistung des integrierten Grafikchips bemerkbar. Da Vista und 7 anders als XP dank DWM auf die 3D-Fähigkeit eines Chips setzen und nicht mehr auf die 2D-Beschleunigung mittels GDI+ und DirectDraw kann es durchaus passieren, dass das Bild bei höheren Auflösungen ruckelt. In unserem Fall trat sichtbares Ruckeln bei Vista und 7 ab einer Auflösung von 1.680x1.050 bei auf, während Windows XP selbst darüber hinaus zu keinerlei Beanstandungen verleitet.

Kaschierte Leistung
Mit Sicherheit stellen sich viele Anwender zurecht die Frage, warum ein langsamer in-order Prozessor mit der Leistungsfähigkeit einer über fünf Jahre alten CPU im Betrieb spürbar schneller wirkt als eben jener. Der Grund hierfür ist die Weiterentwicklung der zugehörigen Peripherie – Festplatten sind heute deutlich schneller als noch vor fünf Jahren, ebenso Arbeitsspeicher, Grafikkarten, etc. Während ein fünf Jahre alter PC sich also mit fünf Jahre alter Peripherie begnügen muss, steht dem Atom neben DDR2-SDRAM auch ein modernes S-ATA II Interface zur Verfügung.

Dadurch wird ein Atom-PC in allen Aufgaben, deren Ausführgeschwindigkeit nicht von der reinen Prozessorleistung abhängt, massiv beschleunigt. Dazu gehören so elementare Dinge wie das Starten des Betriebssystems und der Anwendungen, aber auch das herumschaufeln großer Datenmengen im Arbeitsspeicher oder das Auslagern auf die Festplatte. Reine CPU-Rechenleistung ist eben nur die halbe Miete.

[break=Kritik]
Massiv zu schaffen machte uns der fehlende DVI-Ausgang, da die Signalqualität am VGA-Ausgang so schlecht war, dass ein Betrieb mit einer höheren Auflösung als 1.280x1.024 (5:4) oder 1.440x900 (16:10) nicht möglich ist. Für höhere Auflösungen wäre ein DVI-Ausgang also unvermeidbar. In Zeiten, in denen 22" TFTs mit entsprechend hoher Auflösung kaum teurer sind als 19" TFTs mit entsprechend niedrigerer, ist der fehlende DVI/HDMI-Ausgang für viele Anwender mit Sicherheit ein KO-Kriterium. Auf dieses Manko angesprochen stand uns Daniel Maassen von Elitegroup Rede und Antwort:
    "Der MD100 wurde konzipiert um seine Aufgaben im Office bzw. Homecomputing Bereich kostengünstig aber dennoch effizient zu erfüllen. Aufgrund dieses Einsatzgebietes haben wir auf einen DVI Anschluss verzichtet. Die digitale Bildausgabe bleibt dem MD200 vorbehalten, hier jedoch direkt per HDMI. Für Signale bis 17"/19" (1280x1024) und 19" Widescreen (1440x900) ist das VGA Signal ausreichend. Diese Monitore entsprechen auch dem passenden Preissegment, in welchem der MD100 angesiedelt ist. Erst darüber wäre DVI angebracht, bzw. notwendig. Allerdings war zur Zeit der Produktplanung (Anfang 2008) nicht abzusehen, dass 22" Displays bzw. generell Monitore mit hoher Auflösung so weit im Preis fallen werden, dass diese für den Käuferkreis des MD100 attraktiv werden."

Könnte man den MD100 auch per DVI oder HDMI an einen Monitor anschließen, könnten wir eine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen, wenn ein möglichst günstiger und energieeffizienter PC für einfache nicht rechenintensive Büro-Tätigkeiten benötigt würde. So bleibt leider das Manko des schlechten Bildsignals.

Ein Kritikpunkt eher kosmetischer Natur ist der integrierte DVD-Brenner im Slimline-Format, wie er auch in Notebooks verbaut wird. Steht das Gehäuse senkrecht auf seinem dafür vorgesehenen Standfuß, dann kippt es aufgrund des niedrigen Gewichts beim Schließen des Laufwerks unvermeidbar nach hinten, wenn nicht gleichzeitig mit der anderen Hand dagegen gehalten wird. Auch das Einlegen eines Mediums erfordert aus dem gleichen Grund den Einsatz beider Hände. Ein Slot-in Laufwerk wäre an dieser Stelle deutlich angenehmer, würde sich jedoch verständlicherweise sofort im Preis niederschlagen.

[break=Kosten]
Elitegroup peilt einen Endkundenpreis von etwa 180 Euro an, darin enthalten ist bereits ein 1GB DDR2-SDRAM Speichermodul. Eine Festplatte muss man entweder selber kaufen, oder auf eine bereits vorkonfigurierte und dadurch auch entsprechend teurere Konfiguration zurückgreifen. Da das Gehäuse trotz der beengten Platzverhältnisse eine 3,5" S-ATA Platte aufnimmt, bleiben die Kosten überschaubar. Sollte sich der Endkundenpreis von rund 180 Euro bewahrheiten, bekommt man für etwa 220 Euro einen komplett ausgestatteten PC mit 1GB Arbeitsspeicher und 320GB Festplatte. Zwar kann man sich als Privatperson zu einem nur etwas höheren Preis auch ein günstiges K8-System zusammenstellen, für Firmen kommt diese Option jedoch aufgrund des Aufwands nicht in Frage.

Besonders interessant wird es, wenn man nicht nur die Anschaffungskosten betrachtet, sondern die total cost of ownership (TCO). Hier kann der MD100 mit seinem äußerst niedrigen Energiebedarf von 34 Watt punkten. Im direkten Vergleich mit einem durchschnittlichen etwa gleich teuren PC, dessen Energiebedarf im Leerlauf wir auf etwa 60 Watt ansetzen, sieht die Bilanz für den MD100 gut aus: bei 250 Tagen Betrieb im Jahr, 9h pro Arbeitstag, benötigt der MD100 rund 77 kWh im Jahr, der schnellere Desktop-PC bei gleichen Bedingungen hingegen 135 kWh. Bei Kosten von etwa 20ct pro kWh ergibt das rund 27 Euro für den Desktop-PC und etwa 15 Euro für den MD100. Was bei einem einzelnen PC kaum ins Gewicht fällt, kann in einem großen Büro, in dem durch den Einsatz eines solchen Atom-PCs keine Nachteile entstehen, weil die nicht vorhandene Leistung ohnehin nicht benötigt wird, durchaus positive Auswirkungen auf die Energiebilanz haben.

[break=Der Apple-Faktor]
Natürlich kann kein Review ohne eine Betrachtung des stilistischen Aspekts eines solchen Mini-PCs auskommen. Denn anders als normale Desktop-PCs ist der MD100 nicht dafür geschaffen worden, sein Dasein im Antlitz des gemeinen Hausstaubs unter dem Schreibtisch zu fristen. Aus diesem Grund haben die Ingenieure das Gehäuse in fettfingerempfindlicher Klavierlackoptik gehalten, so dass der Winzling einen durchaus edlen Eindruck auf dem Schreibtisch hinterlässt. Dank des mitgelieferten Standfußes kann es sowohl stehend neben dem Monitor, als auch liegend als Monitorfuß verwendet werden. Wir raten jedoch dringend davon ab, schwere Röhrenmonitore auf das Gehäuse zu stellen – um die Stabilität ist es zwar ausreichend bestellt, ein 20kg-Monster hält das Gehäuse jedoch nicht aus und würde unter der Last unweigerlich zusammenbrechen.

Besonders wichtig bei einem auf dem Schreibtisch stehenden Computer ist die Lautstärke, die dank nur eines Lüfters und detaillierten Einstellmöglichkeiten im BIOS-Setup als nahezu lautlos bezeichnet werden kann. Einzig die Voreinstellung im BIOS-Setup lässt Raum für Optimierung, der PWM-gesteuerte Lüfter dreht standardmäßig bereits ab 30°C Prozessortemperatur hörbar auf und sorgt für ein unangenehmes Rauschen. Indem wir diesen Wert manuell auf 50°C setzten, war der Geräuschkulisse beizukommen – der Prozessor blieb im Leerlauf bei knapp unter dieser Marke, so dass der Lüfter mit leisen ~800-900rpm unhörbar vor sich hin rotieren konnte. Erst bei längerer Belastung, beispielsweise dem oben erwähnten Excel-Makro, machte sich der Lüfter bemerkbar.

[break=Fazit]
Der 30 Watt PC


Die Eingangs gestellte Frage, ob ein Atom-basierter günstiger PC einen vollwertigen Dualcore Desktop-PC im normalen Arbeitsbetrieb ersetzen kann, lässt sich nur mit "ja, aber" beantworten. Bei tatsächlich fast ausschließlich nicht-rechenintensiven Aufgaben, wie Textverarbeitung, einfacher Tabellenkalkulation, Korrespondenz per E-Mail und Internet wird ein normaler Anwender den Unterschied zwischen einem 1,6 GHz Atom und einem 3 GHz K10 außer bei der Stromrechnung nicht merken, denn der Atom reicht für diese Belange mehr als aus. Dank moderner Peripherie wird die schwache Leistung geschickt kaschiert, so dass ein Atom-Rechner spürbar schneller wirkt als ein von der reinen Prozessorleistung ähnlich klassifizierbarer älterer Computer. Sogar grundlegende Multimediafähigkeiten kann man ihm zusprechen, die Wiedergabe einer DVD ist ebenso flüssig möglich wie die eines 720p h.264 Videos (siehe Auf zum Atom! Teil 2). Vorausgesetzt, es kommen keine Bildschirme mit einer Auflösung von mehr als 1.280x1.024 (5:4), bzw. 1.440x900 (16:10) zum Einsatz – in diesen Fällen wäre ein DVI-Ausgang Pflicht. Bei häufiger und regelmäßiger Verwendung komplexer rechenintensiver Makros raten wir ebenfalls von einem Einsatz ab. Für diese Aufgaben wurde der Atom nicht konzipiert und ist damit folglich auch spürbar überfordert.

Im privaten Bereich sieht die Situation ähnlich aus. Wer einen PC zum Surfen, Chatten, ab und zu mal ein Dokument erstellen, PDF lesen, etc. braucht, der kann mit einem Atom durchaus glücklich werden. Für Spieler, Multimedia-Enthusiasten, Hobby-Videobearbeitung und ähnliches können wir einen Atom-PC wie zu erwarten war nicht empfehlen. In den meisten Haushalten könnte ein sparsamer Atom also einen älteren Rechner bedenkenlos ersetzen, geschicktes Marketing vorausgesetzt. Sehr gespannt sind wir auf AMDs angekündigte noch zu erscheinende Alternativlösung Yukon, die mit leicht höherem Energiebedarf bei spürbar besserer Leistung aufwarten will. Solange entsprechende Systeme jedoch nicht verfügbar sind, stellen wir erschrocken fest, dass unser bald sieben Monate altes Fazit vom des ersten Atom-Tests vom Juli 2008 weiterhin Gültigkeit hat:
    Gerade in diesem Sektor spielt Image eine wichtige Rolle, denn der Markt ist noch ganz frisch und Kundenbindungen noch nicht entstanden. Auch dürfte die angepeilte Klientel sich herzlich wenig für technische Details, tatsächliche Geschwindigkeit im Vergleich zur Konkurrenz, oder für die Firma dahinter interessieren. Produkte wie der Eee-PC, iPhone oder iPod werden gekauft weil sie "in", "hip", "trendy", oder "cool" sind (was auch immer den aktuellen Trend gerade so definiert) und nicht, weil sie mit technischer Brillanz beeindrucken . . . Der K8 hat also definitiv Potenzial, um dem Atom Kunden abzugraben – aber auch nur dann, wenn er ähnlich energieeffizient arbeitet wie dieser, wenn AMD dies den Kunden und den die Geräte produzierenden Herstellern auf prägnante Art und Weise verdeutlicht und vor allem eines: Wenn er denn endlich mal verfügbar wäre.


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