Die gestrige Meldung Aus AMD Phenom II X3 mach X4 hat eingeschlagen wie eine Bombe. Das Übertakten von Prozessoren ist ja ein beliebter Sport bei den Enthusiasten, das Freischalten zusätzlicher Kerne jedoch - und das auch noch per Zufall entdeckt - ist völlig neu. Während AMD selbst noch grübelt wie das passieren konnte und sich noch zu keiner offiziellen Stellungnahme bewegen ließ, geht es in den Foren weltweit bereits drunter und drüber. Die einen jubeln über die neu entdeckte Spielwiese, die anderen schlagen die Hände über den Kopf zusammen ob eines neuen Bugs vom Ausmaß des TLB-Erratums 298 und wieder andere fühlen sich verschaukelt, weil sie gerade eine teure X4 CPU erworben haben wo es doch ein günstiger Triple-Core scheinbar auch getan hätte. Was ist das nun also? Bug oder Feature? Fluch oder Segen?

Zuerst einmal muss man sich darüber klar werden, wieso dieser Trick - ob gewollt oder nicht - überhaupt funktionieren kann. Der AMD Phenom II X3 und der X4 basieren auf dem gleichen Deneb-Kern. Der Hersteller hat dadurch einige Vorteile: mit ein und der selben Maske lassen sich durch Deaktivieren verschiedener Komponenten, etwa Teile des L3-Caches oder eben eines oder mehrere Kerne, preiswert und ohne zusätzliche Entwicklungskosten zahlreiche Prozessor-Varianten realisieren. Teils werden die Bauteile aus produktpolitischen Gründen deaktiviert, z.B. um die Nachfrage nach Prozessoren mit nur drei Kernen zu befriedigen, teils weil sie defekt oder nicht ausreichend hoch zu takten waren. In letzterem Fall können die Hersteller die CPU nach Deaktivierung der betroffenen Sektion noch immer als niedriger positioniertes Produkt verkaufen statt sie wieder einzustampfen.

Bisher wurden die Caches oder Kerne in Hardware per Lasercut deaktiviert. Beim Phenom II ist das nun offenbar nicht mehr so, zumindest bei den Prozessoren bis einschließlich KW 4 2009, denn bisher sind noch keine Praxiserfahrungen aufgetaucht, die zeigen, dass die Freischaltung des 4. Kerns per ACC auch mit jüngeren X3 Prozessoren noch funktioniert. Ferner haben einige User bei uns im Forum versucht einen 65 nm Phenom X3 freizuschalten - ebenfalls ohne Erfolg.

Obwohl über diesen Fall auf Planet 3DNow! und zahlreichen anderen Hardware-Webseiten weltweit berichtet wird, so darf man sich über das Ausmaß dieses "Problems" nicht täuschen lassen. Den Großteil der 08/15-User interessiert das nicht die Bohne. Im Gesamten betrachtet findet das hier überhaupt nicht statt, da der normale Anwender keine Prozessoren kauft, sondern Computer - und dort gibt's kein ACC und damit auch kein fröhliches Kerne finden per BIOS.

Lediglich der Hardware-Freak wie unsereins interessiert sich dafür, hier allerdings ist eine Meldung wie diese eine regelrechte Sensation, denn sowas gab's bisher nicht.

Muss sich der Käufer eines Phenom II X4 verschaukelt fühlen?


Natürlich nicht! Wer einen Phenom II X4 kauft, bekommt einen Prozessor, der definitiv und zuverlässig mit 4 Kernen läuft. Der Käufer eines anderen Prozessor-Topmodells fühlt sich ja auch nicht verschaukelt nur weil irgendein findiger Bastler seine Low-Budget CPU auf die gleiche Geschwindigkeit übertaktet hat. Das kann funktionieren, muss aber nicht.

Unser Mainboard-Tester MusicIsMyLife zum Beispiel konnte seine X3-CPU ebenfalls per ACC freischalten, jedoch konnte er nicht einmal Windows fertig booten ehe der PC abstürzte. Diese CPU wurde offenbar nicht aus Gründen der Nachfrage zum X3 degradiert, sondern tatsächlich weil der vierte Kern defekt war. Und selbst wenn das System auf den ersten Blick mit vier Kernen zu funktionieren scheint, bleibt immer das Restrisiko, dass doch irgendein kleiner Fehler in diesem Kern steckt, der z.B. nur bei einer Abfolge von bestimmten SSE3-Befehlen auftritt. Dann läuft das System so lange stabil bis irgendein Programm eben diese Befehle ausführen möchte. Und dann macht's ZACK und AUS.

Aus diesem Grund muss sich kein X4-Käufer verschaukelt fühlen. Vielmehr darf sich ein X3-User, bei dem es tatsächlich uneingeschränkt geklappt hat, als Riesen-Glückspilz fühlen.

Wird AMD finanziellen Schaden dadurch erleiden?


Wer soll noch eine teure X4 CPU kaufen wenns die billige X3 auch tut, wird oft in den Foren thematisiert? Nun, wie eben bereits geschildert findet diese Thematik nur bei einem Bruchteil der User statt und zudem ist keinesfalls gewährleistet dass das mit jedem X3-Exemplar einfach so per Knopfdruck klappt. So oder wird sich das auf den Gewinn/Verlust bei AMD nur im Bereich der Heisenbergschen Unschärfe auswirken.

Aber abgesehen davon könnte diese Entdeckung auch eine riesige Chance sein für AMD auf dem Retail-Bastler-Markt mal wieder einen Treffer zu landen und in den Köpfen der technik-affinen Anwender zu punkten. Lange ists her: man erinnere sich an den AMD Duron 600, der oft durch Umtakten des FSB von 100 MHz auf 133 MHz zum Duron 800 wurde. Oder der AMD Athlon XP 1700+ JIUHB DLT3C, der sich dank eines speziellen Steppings und eines offenen Multiplikators beinahe beliebig übertakten ließ und oft als XP 2800+ betrieben werden konnte. Auch nicht schlecht der AMD Athlon XP 2500+, der in einigen Fallen durch bloßes Umtakten des Frontside-Bus auf 200 MHz zum XP 3200+ wurde. Das war nicht nur eine Spielwiese für die Tüftler und Bastler, das war ein ganzer Freizeitpark. Man braucht sich nur mal die Threads von damals im Forum anzugucken. Da war die Hölle los.

Seit der Einführung des AMD Athlon 64 dagegen ist das Übertakten bei den AMD-Prozessoren zu einer brotlosen Kunst verkommen. Während sich die Intel-User mit Rekorden übertrumpfen und einen Q6600 mit 2,4 GHz einfach mal so mit 3,2 GHz betreiben, war in der grünen Ecke seither die Luft raus. Daran konnten auch die FX-Modelle oder die Black Editions mit offenem Multiplikator nichts ändern. Es macht einfach keinen Spaß seinen 6400+ BE von 3,2 auf 3,3 GHz zu übertakten um dabei festzustellen, dass das Limit bereits erreicht ist.

Dank des gestern entdeckten Phänomens könnte der AMD Phenom II X3 nun zur Reinkarnation des JIUHB werden, der damals aufgrund der riesigen Nachfrage aus der Enthusiasten-Szene von vielen Online-Shops vorsortiert und zu einem entsprechend höheren Preis verkauft wurde. Noch Jahre nach seinem Erscheinen wurde er bei den einschlägigen Auktionshäusern für gutes Geld gehandelt, während die normalen Sockel A Prozessoren keinen mehr interessierten.

Aus meiner Sicht bleibt nur zu hoffen, dass AMD dem keinen Riegel vorschieben wird, indem etwa die Mainboard-Hersteller dazu gedrängt werden, dem Treiben per BIOS-Update Einhalt zu gebieten, oder indem künftige X3-CPUs doch wieder per Cut entmannt werden. AMD täte gut daran sich auch an der Basis, in der Welt der Tüftler und Bastler mal wieder in Erinnerung zu rufen und wenn auch nur durch ein zufällig entdecktes Schlupfloch. In diesem Sinne: frohes Oster-Kerne suchen!