Früher war alles besser. Wie oft hat man diesen Satz schon gehört, wie oft musste man seinen Großeltern oder Eltern beim Schwelgen in alten Erinnerungen zuhören. Logisch, Großvater musste jeden Tag 50km zu Fuß zur Schule laufen - selbstverständlich ohne Schuhe - bei 2m hohem Schnee mitten im Juli und das auch noch sowohl bergauf als auch mit starkem Gegenwind in beiden Richtungen. Oftmals fragt man sich da ob denn wirklich früher alles soviel besser gewesen sein soll.

Ein Blick zurück. Vor zwanzig Jahren hatten Menschen wie Marty Cooper Visionen vom Telefonieren überall. Der Mensch sollte ungebunden und frei sein, er sollte nicht in seiner persönlichen Freiheit beschränkt werden durch unnötiges warten auf einen wichtigen Anruf und die damit verbundene arge Einschränkung der freien Ortswahl. Telefonnummern sollten Menschen - nicht Orten - zugewiesen sein, der Anruf selbigem gelten.
Ein Blick ins heute. Rund 65 Millionen Mobiltelefone gibt es allein in Deutschland, knapp 780 pro 1000 Einwohner. Bei ca. 55 Millionen Deutschen zwischen 14 und 65 Jahren bedeutet dies eine enorme Sättigung - quasi jeder ist heutzutage mobil erreichbar. Die Vision von Marty Cooper hat sich erfüllt, Menschen sind heutzutage überall und jederzeit erreichbar - kein Erbarmen.
Aber macht uns das glücklich? Hat der enorme technische Fortschritt der letzten 20 Jahre die Menschheit wirklich diesen entscheidenden Schritt nach vorne gebracht, den uns die Marketingstrategen der Unternehmen glaubhaft machen wollen? Sind wir heute freier und glücklicher als noch vor 20 Jahren? Wenn ja, warum war früher dann eigentlich alles besser?

Ein Blick zurück. Wer vor zwanzig Jahren unterwegs telefonieren musste hatte es nicht einfach. Die nächste Telefonzelle finden, hoffen dass man genügend Kleingeld oder alternativ eine geladene Telefonkarte hatte und unter Umständen die Telefonnummer aus dem Gedächtnis wählen. Telefonate waren kurz und auf das nötigste beschränkt. Man sprach nicht über persönliche Dinge, wenn nötig verabredete man sich um persönlich, Auge in Auge, wichtige Themen anzusprechen. Angerufen werden konnte man nur solange man sich in der Nähe seines Telefons befand. Wer das Haus verließ war fortan bis zur Wiederkehr ein Phantom ungewissen Aufenthalts. Der Anrufbeantworter ersetzte den nicht bezahlbaren Sekretär und nahm wichtige und weniger wichtige Anrufe entgegen. Im Unterschied zu heute jedoch lag die Entscheidungsgewalt ob, wann und wen man bei der Rückkehr aus der Welt der telefonischen Phantome zurückruft bei einem selbst.
Ein Blick ins heute. Unerreichbar? Gibt's nicht. Ob im Auto, im Bus oder auf dem einst heiligen, stillen Örtchen - telefoniert wird heutzutage überall. Haben wir Menschen uns wirklich so viele wichtige Dinge mitzuteilen? Sind wir alle so unglaublich wichtig, dass wir verloren wären wenn wir nicht sofort den einen, alles entscheidenden Anruf tätigen? Oder sind wir dem Konsum, der Bequemlichkeit des allgegenwärtigen Mitteilungsbedürfnisses erlegen? Lauscht man heimlich den Gesprächen der Mitmenschen, so kommen ernste Zweifel an der mit dem technologischen Fortschritt einhergehenden geistigen Weiterentwicklung der Menschheit in das 21. Jahrhundert hinein. "Wer viel redet hat nichts zu sagen, aber viel zu verbergen" wußte schon Friedrich Wilhelm Nietzsche, noch lange bevor überhaupt Telefone den Menschen ein Begriff waren. Und wie sagte doch einst der Chinesische Philosoph Lao'Tse? "Wer viel weiß, redet nicht. Wer viel redet, weiß nichts". Überträgt man diese Weisheiten auf die Gewohnheit der modernen Menschheit, so bleibt nur eine logische Schlussfolgerung: Die Menschen wissen zwar nichts, wissen dies aber gut zu verbergen.

Ein Entkommen vor dem allgegenwärtigen Mobiltelefon (auf Neu-Deutsch so schön "Handy" tituliert, in der verzweifelten Hoffnung cool und dem Zeitgeist entsprechend Englisch (was heutzutage lediglich ein weiteres Synonym für cool ist) zu klingen) ist unmöglich geworden. Wer heutzutage nicht jederzeit und überall erreichbar ist gilt als altmodisch, unaufgeschlossen, gar zurückgeblieben. Paradox wirkt die Situation dann im Urlaub, wo ungewolltes telefonieren mit den Freunden, Kollegen und Geschäftspartnern zum Tagesgeschäft gehört. Fuhr man früher nicht in seinen wohlverdienten Urlaub um dem Alltag, dem Stress und der Erwartungshaltung der Kollegen und des Chefs zu entkommen? Entkommen ist heute unmöglich geworden, nicht nur dienstlich bereitgestellte mobile Telefonanschlüsse dominieren den Urlaubsalltag der Menschen, wirken mitbestimmend bei der Wahl des Urlaubsortes und würden, aus Sicht unserer Vorväter, so manchen Urlaubstrip zur modernen Tragikomödie machen. Die Dichotomie zwischen Wollen und Haben, zwischen modern und altmodisch, zwischen Mensch und Tier (mit anderen Worten zwischen dem mobilen Menschen des 21. Jahrhunderts und dem immobilen Menschen des 20. Jahrhunderts) bestimmt unser Dasein. Andererseits jedoch entscheiden sich die Menschen freiwillig für diese Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit, der Beschneidung des freien Willens auszubrechen und die Welt zu erkunden, allein und ohne Grenzen, ohne die aufgezwungene Enge moderner Gesellschaften. Viele geniale Visionen haben die Menschheit ohne größere Auswirkungen lediglich tangiert, haben keine signifikanten Nachwirkungen verlauten lassen. Wir Menschen haben unser Schicksal selber in der Hand, wir selber entscheiden welche Innovation zum Flop wird und welche wir eng mit unserem eigenen Schicksal, Leben und damit unserer eigenen Zukunft verknüpfen. Unsere Zivilisation hängt alleine von unseren Entscheidungen, unserem Wissen, unserer Erfahrung und unserer Fähigkeit zwischen Zerstörung und Bereicherung zu unterscheiden ab.

Zivilisationen kommen und gehen. Viele große Zivilisationen, mit gigantischen technischen Errungenschaften, haben die Wälder und Felder dieses Planeten bevölkert und sind letzten Endes untergegangen. Warum stirbt eine Zivilisation aus? Die Inkas - untergegangen. Die Zivilisation der Maya - untergegangen. Die Azteken - ausgerottet durch unsere eigene Hand. Das alte Ägypten - durch unsere Hand zerstört. Die Ureinwohner vieler Länder - beinahe ausgerottet durch unsere eigene Hand. Auf welchem Weg befinden wir uns? Wird es nicht langsam Zeit für unsere Zivilisation durch eine neue, bessere ersetzt zu werden? Haben wir diesen Schritt nicht selber in der Hand, können wir den Fortbestand unserer eigenen Zivilisation nicht selber kontrollieren? Ist es purer Zufall, dass mit der Entfremdung des Menschen von sich selbst, mit der damit verbundenen technologischen Abhängigkeit zum Aufrechterhalten zwischenmenschlicher Kontakte und Beziehungen auch die Geburtenrate drastisch eingebrochen ist?

Ein Blick zurück. Vor zwanzig Jahren sprachen Visionäre wie Larry Smarr oder Tim Berner Lee von der weltweiten Vernetzung. Das Internet war noch kaum geboren, schon waren die Köpfe der Erfinder voll neuer Ideen. Internet für jedermann, bezahlbar und natürlich für die Entwicklung der Menschheit ungemein wichtig.
Ein Blick ins heute. Diese Visionen haben sich, zumindest in der westlichen Zivilisation, in Alltag verwandelt. Der Zugang zum weltweiten Netzwerk der Informationen ist heute bereits für wenig Geld für jedermann zu haben. Doch Visionäre wie bereits erwähnter Larry Smarr und auch Geschäftsleute wie Bill Gates wollen mehr. Wie der Siegeszug der Mobiltelefonie soll auch das Überall-Internet die Menschheit revolutionieren - Breitband, sofort, günstig, überall. Horror oder Segen? Tangierende Vision oder Zukunft?
Ein Blick in die Zukunft. Mobiltelefone sind out. In ist, wer von überall aus seine E-Mails mit angehängter Sprach- und Videonachricht abrufen kann. Videotelefonie ist jetzt auch im schon lange nicht mehr stillen Örtchen möglich, dank Entstörfiltern, die unangenehme Geräusche und Gerüche vom Gesprächspartner fern halten. Videotelefonie-Anrufe können jetzt nicht einmal mehr abgelehnt werden, die mobilen Überallcomputer nehmen diese automatisch an - Entkommen unmöglich. Urlaub macht keinen Sinn mehr, Entspannung ist selbst an den entferntesten Orten der mittlerweile komplett vernetzten und vereinheitlichten Welt nicht mehr möglich. Aber wofür auch? Die letzten Paradiese mussten den Visionen, oder genau genommen deren Verwirklichung durch besonders eifrige Zeitgenossen, weichen.