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Globalisierung. Vernetzung. Synchroner Informationsaustausch. Aktualität. Stichwörter einer modernen Gesellschaft. Durch die Bereitstellung der Möglichkeit über virtuelle Wellen zu reiten, ist es seit den frühen 90er Jahren zur Ausbildung einer Internet-Kultur gekommen, die sich exponentiell steigert. Im Auge des externen Betrachters minder wichtig, jedoch sich zu einer eigenen Lebenswelt entwickelnd?

Wie weit ist die Stereotypisierung schon gelangt? Da sind sie, die dicken Computerfreaks, die sich ausschließlich von Zigaretten, Kaffee und Pommes ernähren, sich nie waschen geschweige denn die Rollläden aufziehen. Surfen verbinden sie nicht mehr mit Sport, Coden ist ihre Religion – die Freundin äußert sich in einer jpeg-Bilddatei als Desktop-Hintergrund. Geistige Liebe existiert in privaten Chatrooms, körperliche Liebe konstatiert sich in Form von avi und mpeg – Dateien. Wo verdammt noch mal kommt bloß der Pizza-Mann her?

Längst jedoch hat sich das Bild des lichtscheuen Computerfreaks in Luft aufgelöst – Leben im Internet bedeutet mehr als nur maximale Übertreibungen zu tradieren. Seitdem Ende der 90er Jahre das Internet zum quasi Standard in zahlreichen privaten Haushalten avancierte, floriert die Nutzung der Neuen Medien. Foren und Gesprächsräume gewinnen mehr und mehr an Bedeutung. Mal schnell mit Kuschelbiene82 über meine Beziehung philosophieren, im Stammforum noch fix einen Beitrag zum Thema „Sind 3.2V zuviel für meinen K6-2?“ verfassen und beiläufig Emails überprüfen, bevor das Bett gegen zwei Uhr nachts auf einen wartet. Eine konstruierte Normalität, die besonders bei vielen jungen Leuten schon an der Tagesordnung zu sein scheint.

Wo sind wir, dass die Emails das Versenden von Briefen schon fast zu einer bestaunenswerten Aktion machen? Dass wir „mit“ unserem Computer über soziale Probleme philosophieren? Dass wir im richtigen Leben nicht mehr Lachen, sondern nur noch „lol“ sagen?

Gut – das mag alles übertrieben klingen – aber wie viele von euch können sich ein Leben komplett ohne Internet vorstellen? Keine Emails. Abschicken auf dem Postweg. Wie viele Frauen werden sich freuen, von ihren Liebsten endlich keine E-Cards, sondern handschriftliche Briefe zu bekommen. Die Emotionalität würde im Leben vielleicht wieder die Oberhand gewinnen und virtuelle Rationalität verdrängen. Öfters die Freunde treffen. Keine jpeg-Freundinnen mehr.

Einfach ohne die Farbtiefe zu erhöhen vor die Tür gehen. Die Post abholen. In den Garten setzen und unter azurblauem Himmel einfach mal ausspannen. Die diversen Readme.txt’s vergessen und einmal einen Roman lesen. Gab doch immer mal einige „Verrückte“, die im Internet davon berichtet haben. Von Sonnenstrahlen, die über das Gesicht streifen, während die Augen den Sommer an der Kleiderordnung weiblicher Animationen auf der Straße identifizieren. Ruckelfrei. Von rauschenden Flüssen, Vogelgezwitscher und OpenAir-Konzerten. Glasklar. Die Spielsteuerung liegt bei dir.

Aber was verpasst du schon vor deinem PC?

Mensch sein. Pur.

Viele werden sich wundern, was für eine gute Grafik das reale Leben hat…