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Journalismus ist etwas Feines. Er überbringt Millionen von Menschen Nachrichten vom anderen Ende der Welt in angenehm aufbereiteter Form. Dauerte es im Mittelalter noch Tage oder gar Wochen bis eine Nachricht ihren Empfänger erreichte, verkürzte sich diese Zeitspanne im Laufe der Zeit auf wenige Stunden. Nachrichten verbreiteten sich in den 70er Jahren beispielsweise über Fernsehen und Radio innerhalb von Stunden in der ganzen Welt. Mit Hilfe des Internets konnte die Nachrichtenflut nochmals um ein vielfaches beschleunigt werden. Wenn in Asien ein Erdbeben eine Fabrik zerstört, finden sich Fotos der zerstörten Fabrik innerhalb kürzester Zeit auf diversen Webseiten in aller Welt wieder.

Doch nicht alles was glänzt ist auch wirklich Gold. Waren es im April 1983 Hitlers geheime Tagebücher und in den Anfangszeiten der digitalen Bildverarbeitung noch geschickt gefälschte Bilder, die die Welt in Aufruhr versetzten, reicht heutzutage ein einfacher Supermarkt-PC und ein Quäntchen Fantasie, um selbiges in deutlich größerem Ausmaß zu erreichen.

NVIDIA kauft AMD - wer erinnert sich noch an die sensationelle Meldung einer russischen Webseite vom Dezember 2001? Diese hatte von angeblichen Gerüchten berichtet, dass die Firma NVIDIA - kurz nachdem sie den Konkurrenten 3dfx aufgekauft hatte - Interesse an AMD bekundet hätte. Die Kriegskasse sei dank massiven Aktienverkäufen gefüllt und es würde noch eine weitere Milliarde Dollar bereitstehen wurde berichtet. Und trotz der Tatsache, dass dieser Meldung keinerlei Quelle zugrunde lag und jeder ernsthafte Redakteur dies als Gerücht hätte erkennen und verarbeiten müssen, verbreitete sich die Nachricht im Internet wie ein Lauffeuer. Es dauerte nicht lange, bis die Meldung auch auf der Webseite einer renommierten deutschen Computerzeitschrift Einzug fand - verarbeitet als Faktum.

Aber in Zeiten, in denen Seitenzugriffe mehr zählen als ernsthafter Journalismus, in denen jeder 13-jährige auf dem Pausenhof gehänselt wird, wenn er nicht den neuesten Computer sein Eigen nennt, in denen selbige mit minimalem Aufwand und völlig kostenlos eine eigene Webseite anbieten können, werden die Regeln der Berichterstattung schon mal gerne bewusst oder unbewusst gebrochen. War früher noch eine fundierte Ausbildung Voraussetzung um in einem mehr oder minder seriösen Verlag unterzukommen, hat das Internet das Privileg zu publizieren jedem einzelnen von uns in den Schoß gelegt.

So ist es wenig verwunderlich, dass seitdem mit schöner Regelmäßigkeit Meldungen ohne Quelle als Faktum dargestellt oder als solches weiterverarbeitet werden. Die Zeiten, in denen man einem bis dato renommierten Magazin jede Nachricht als wahr abkaufen konnte, sind endgültig vorbei. So geschehen erst kürzlich, als eine amerikanische Webseite plötzlich - wieder mal ohne Quellenangabe oder gar Beweisen - von angeblich erhältlichem Quellcode von Microsoft Windows berichtete. Und wieder gab es Webmaster, die eine offensichtlich als Gerücht erkennbare Meldung als Faktum akzeptierten und die Nachricht entsprechend verbreiteten. Nur manchmal ist auch Glück dabei: in diesem Fall stellte sich die Meldung im Nachhinein als wahr heraus!

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Gerüchte sind etwas Feines und Spannendes und gehören zu jeder Berichterstattung wie das Amen in der Kirche. Nur kann man eine solche Meldung auf mehrere Arten verbreiten und auffassen - als offensichtliches Gerücht mit allen nur erdenklichen Konjunktiven oder "geschickt" verpackt. Und wieder mal war es ein renommiertes deutsches Online-Magazin, welches die Meldung zwar im Prolog als Gerücht kennzeichnete, aber im laufenden Text diese wie ein Faktum behandelte. So ist es wenig verwunderlich, dass in diversen Foren die Meldung als bereits bestätigt behandelt wurde - trotz des mahnenden Fingers einiger aufmerksamer Individuen. Vom Untergang der Windows-Vorherrschaft war hier genauso die Rede, wie von ausgemalten Fantasien einiger, die eine Virenschwemme ungeahnten Ausmaßes prophezeiten. Das Gerücht war innerhalb von Stunden als Tatsache akzeptiert.

Was ist passiert in unserer Gesellschaft? Bleibt die hohe Kunst des Lesens nur noch einigen wenigen vorbehalten? Sind wir so gierig nach Katastrophenmeldungen und schlechten Nachrichten, dass jede noch so phantastisch lautende Nachricht sofort als wahr akzeptiert wird, ohne dass der gesunde Menschenverstand, eine Portion Misstrauen und der Sinn für Kritik laut protestieren? Tatsache ist, dass es für das ungeübte Auge ein Ding der Unmöglichkeit wird, Tatsachenmeldungen von Gerüchten zu unterscheiden. Die Informationsflut, welche uns das Internet beschert hat, zeigt sich erneut von seiner hässlichsten Seite. Und über die Kunst geschriebenes Wort zu verarbeiten möchte ich mich in Zeiten, in denen leere Schachteln im Internet zu Mondpreisen versteigert werden, lieber nicht äußern.

Ja, Journalismus ist wirklich was Feines. Man nehme einen Computer, einen Internetzugang und eine Prise Fantasie - fertig ist Journalismus, der die Welt verändert. Dazu noch ein paar Leser, deren Stärke weder das Hinterfragen der Informationen noch korrekte Interpretation des Dargebotenen sind und schon ist Erfolg vorprogrammiert.

Ein wenig erinnert mich das Internet an Flüsterpost (stille Post) - was die erste Person sich ausdenkt und ins erste Ohr flüstert, kommt am letzten Ohr niemals in gleicher Form wieder an. Und wie sagt doch die alte Weisheit des Pferdehändlers? "Jeden morgen steht ein neuer Dummer auf, man muss ihn nur finden"