EU-Urheberrechtsreform — deutsche Wikipedia offline — Demos am 23.03.2019

Mit der Akti­on Blackout21 demons­trie­ren am heu­ti­gen Tag Inter­net­sei­ten, Foren und die deut­sche Wiki­pe­dia gegen die geplan­te EU-Urhe­ber­rechts­re­form, deren Arti­kel 11 und 13 von vie­len kri­tisch gese­hen wer­den. Mit Foren gegen Upload-Fil­ter spre­chen sich momen­tan 436 Foren mit 19.097.276 Mit­glie­dern ins­be­son­de­re gegen den Arti­kel 13 aus, da Foren — auch wenn dies wie­der­holt von unse­ren Poli­ti­kern ver­neint wur­de — von Arti­kel 13 betrof­fen sind. Die­ser wird nach dem Ver­ständ­nis der “Foren gegen Upload-Fil­ter” die Foren für jeden Ver­stoß der Mit­glie­der unmit­tel­bar haft­bar machen, was die­sen mas­si­ve Haf­tungs­ri­si­ken mit unab­seh­ba­ren juris­ti­schen und finan­zi­el­len Kon­se­quen­zen auf­bür­det. Des­we­gen rufen wir auch zur Teil­nah­me an den Demos am 23. März 2019 auf!

Im Anschluss ein offe­ner Brief an die Abge­ord­ne­ten des EU-Par­la­ments der Initia­ti­ve “Foren gegen Upload­fil­ter” an der sich auch Pla­net 3Now! betei­ligt und der die Pro­ble­ma­tik zu erklä­ren ver­sucht.

An die Abge­ord­ne­ten des EU-Par­la­ments

Sehr geehr­te Abge­ord­ne­te,

als Ver­ant­wort­li­che von Dis­kus­si­ons­fo­ren wen­den wir uns an Sie und möch­ten unse­re Beden­ken gegen die neue EU-Richt­li­nie und spe­zi­ell Arti­kel 13 aus­drü­cken.

Wir sind die Betrei­ber und Admi­nis­tra­to­ren von mehr als 370 deutsch­spra­chi­gen Dis­kus­si­ons­fo­ren mit mehr als 15 Mil­lio­nen Mit­glie­dern. Uns eint die gro­ße Sor­ge, dass durch die EU-Urhe­ber­rechts­richt­li­nie unse­re Foren und damit die Dis­kus­si­ons­kul­tur im deutsch­spra­chi­gen Inter­net exis­ten­zi­ell gefähr­det wer­den.

Die öffent­li­che Dis­kus­si­on zur EU-Urhe­ber­richt­li­nie dreht sich fast aus­schließ­lich um You­Tube und ande­re gro­ße US-ame­ri­ka­ni­sche Platt­for­men. Dabei gerät aus dem Blick, dass Dis­kus­si­ons­fo­ren jeder Grö­ße eben­so von der neu­en Richt­li­nie betrof­fen sein wer­den.

In Deutsch­land ist in den letz­ten 20 Jah­ren eine Land­schaft aus hun­der­ten Dis­kus­si­ons­fo­ren gewach­sen, in denen sich meh­re­re Mil­lio­nen von Men­schen zu den ver­schie­dens­ten The­men aus­tau­schen, infor­mie­ren und ein­an­der unter­stüt­zen.

Foren sind nicht nur für ihre eige­nen Mit­glie­der eine digi­ta­le Hei­mat, son­dern auch eine uner­schöpf­li­che Wis­sens­quel­le für die All­ge­mein­heit:

Selbst­hil­fe­grup­pen z.B. zu Krebs, Behin­de­rung, Such­ter­kran­kun­gen und Ernäh­rung
Hil­fe bei Com­pu­ter-Pro­ble­men
Hob­bies wie Haus­tie­re, Autos, Foto­gra­fie oder Angeln
Geschich­te und Poli­tik
Urlaub & Rei­sen
Berufs­grup­pen wie z.B. Fri­seu­re, Ret­tungs­sa­ni­tä­ter, Feu­er­wehr­leu­te oder Tech­ni­ker
Wir tra­gen bereits jetzt Ver­ant­wor­tung für das Urhe­ber­recht

Um das klar zu sagen: Die Rech­te der Urhe­ber sind in unse­ren Augen ein hohes Gut, das wir als Betrei­ber gemein­sam mit unse­ren ehren­amt­li­chen Mode­ra­to­ren täg­lich schüt­zen. 

Wenn in der aktu­el­len Dis­kus­si­on vom „Inter­net als rechts­frei­em Raum“ gespro­chen wird, müs­sen wir vehe­ment wider­spre­chen. Bereits jetzt müs­sen Foren­be­trei­ber vie­le gesetz­li­che Rege­lun­gen beach­ten und set­zen sie täg­lich bei ihren Mit­glie­dern aktiv durch.

Impres­sum, DSGVO-kon­for­me Daten­schutz­er­klä­run­gen und Kennt­nis­se in Wett­be­werbs­recht, Per­sön­lich­keits­recht und natür­lich Urhe­ber­recht sind Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten. Vor allem sor­gen wir und unse­re Mode­ra­to­ren dafür, dass in unse­ren Com­mu­nities weder Per­sön­lich­keits­rech­te noch Urhe­ber­rech­te ver­letzt wer­den, indem Dis­kus­sio­nen eng beglei­tet und Ver­stö­ße sofort geahn­det wer­den.

Das aktu­el­le Ver­fah­ren „Take down on Noti­ce“ nimmt uns bereits heu­te in Haf­tung, wenn wir 24 Stun­den nach Benach­rich­ti­gung Rechts­ver­stö­ße nicht ent­fernt haben. In die­sen 24 Stun­den müs­sen wir Bei­trä­ge sich­ten, sie juris­tisch bewer­ten, mit den Betei­lig­ten kom­mu­ni­zie­ren und die Bei­trä­ge ggf. löschen.

Dies ist unse­re Ver­ant­wor­tung, die wir bewusst und ger­ne tra­gen.

Arti­kel 13 wird uns aber für jeden Ver­stoß unse­rer Mit­glie­der unmit­tel­bar haft­bar machen, was uns mas­si­ve Haf­tungs­ri­si­ken mit unab­seh­ba­ren juris­ti­schen und finan­zi­el­len Kon­se­quen­zen auf­bür­det.

Foren sind von Arti­kel 13 betrof­fen

In Inter­views und in sozia­len Medi­en wur­de wie­der­holt behaup­tet: „Online-Foren sind nicht betrof­fen“.

Dem ist nicht so:

Foren fal­len unter die zen­tra­le Defi­ni­ti­on in Arti­kel 2 (5): der Haupt­zweck ist das Hoch­la­den, Orga­ni­sie­ren und Dar­stel­len geschütz­ter Wer­ke: Die Text­bei­trä­ge und Bil­der unse­rer Mit­glie­der.
Für Dis­kus­si­ons­fo­ren wur­den kei­ne Aus­nah­men ein­ge­räumt wie z.B. für Wiki­pe­dia, Git­Hub, eBay oder Drop­box.
Die ver­blie­be­nen Aus­nah­men sind so eng gesteckt, dass kaum ein Forum davon pro­fi­tie­ren wür­de: Nahe­zu alle Foren sind älter als drei Jah­re und somit haft­bar.
Aus­nah­men für klei­ne Platt­for­men, die noch in der Richt­li­ni­en­ver­si­on im Sep­tem­ber ent­hal­ten waren, sind in den Tri­log-Ver­hand­lun­gen wie­der ent­fal­len.
In der Dis­kus­si­on wer­den auch vage Begrif­fe wie „Ver­hält­nis­mä­ßig­keit“ oder inter­pre­tier­ba­re For­mu­lie­run­gen in den Erwä­gungs­grün­den zur Richt­li­nie ange­führt. Die­se sind jedoch so unbe­stimmt, dass Gerich­te erst in eini­gen Jah­ren und nach meh­re­ren Instan­zen ver­bind­lich fest­le­gen wer­den, wie sie prak­tisch anzu­wen­den sind.

Bis dahin müs­sen Dis­kus­si­ons­fo­ren jah­re­lang mit enor­men juris­ti­schen und finan­zi­el­len Risi­ken leben.

Kon­se­quen­zen aus  Arti­kel 13 für Dis­kus­si­ons­fo­ren

Wegen die­ser Unsi­cher­hei­ten und dem juris­ti­schen und finan­zi­el­len Haf­tungs­ri­si­ko wer­den vie­le Dis­kus­si­ons­fo­ren schlie­ßen, da klei­ne Ver­ei­ne oder ehren­amt­li­che Betrei­ber die­se Situa­ti­on nicht tra­gen kön­nen.

Auch kom­mer­zi­el­le Betrei­ber sind in ihrer Exis­tenz gefähr­det, wenn sie kos­ten­pflich­ti­ge Lizen­zen abschlie­ßen müs­sen und zur Instal­la­ti­on von teu­ren Upload-Fil­tern ver­pflich­tet wer­den.

Unbe­stimm­te Rege­lun­gen bedeu­ten für uns jah­re­lan­ge Rechts­un­si­cher­heit,  erheb­li­ches Abmahn­ri­si­ko und poten­ti­el­le Rechts­kos­ten, was sich kein Betrei­ber auf die Dau­er leis­ten kann.

Als Fol­ge wird die Dis­kus­si­ons­kul­tur im deutsch­spra­chi­gen Inter­net emp­find­lich beein­träch­tigt, vie­le Bür­ger wer­den ihre digi­ta­le Hei­mat in Dis­kus­si­ons­fo­ren ver­lie­ren.

Kon­se­quen­zen für die Inter­net-Kul­tur

Soll­te die Richt­li­nie mit Arti­kel 13 in der jet­zi­gen Form beschlos­sen wer­den, wird sich die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kul­tur im Inter­net grund­le­gend ändern. Platt­for­men wie You­Tube, Insta­gram und Face­book wer­den mit ihren tech­ni­schen und finan­zi­el­len Res­sour­cen reagie­ren kön­nen.

Dis­kus­si­ons­fo­ren als digi­ta­le Hei­mat vie­ler Bür­ger sind jedoch in ihrer Exis­tenz bedroht.

Unse­re drin­gen­de Bit­te: Leh­nen Sie Arti­kel 13 ab.

Auch im Namen unse­rer mehr als 15 Mil­lio­nen Mit­glie­der for­dern wir Sie auf, Arti­kel 13 der EU Urhe­ber­rechts­richt­li­nie nicht zuzu­stim­men:

Wir hal­ten Arti­kel 13 für grund­sätz­lich den fal­schen Weg, um die Rech­te von Urhe­bern zu stär­ken: Urhe­ber wer­den nur mini­mal pro­fi­tie­ren, im Gegen­zug wird die Dis­kus­si­ons­kul­tur im deutsch­spra­chi­gen Inter­net mas­siv beein­träch­tigt.
Die tech­ni­sche Infra­struk­tur, die zur Fil­te­rung geschütz­ter Inhal­te erfor­der­lich ist, lässt sich von auto­ri­tä­ren Regie­run­gen leicht miss­brau­chen, um miss­lie­bi­ge Stim­men zum Schwei­gen zu brin­gen.
Als Foren­be­trei­ber sehen wir die Exis­tenz unse­rer Platt­for­men bedroht.
Als EU-Bür­ger sehen wir die Dis­kus­si­ons­kul­tur und die Mei­nungs­frei­heit im Inter­net in Gefahr.
Mit freund­li­chen Grü­ßen

Andre­as Jür­gen­sen und Erst­un­ter­zeich­ner
für die Initia­ti­ve „Foren gegen Upload­fil­ter“

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