Von der Spielgrafik zur Wissenschaft: Wie GPUs das Distributed Computing revolutionierten

Ein Blick zurück auf den GPU-Urknall im BOINC-Uni­ver­sum – von den legen­dä­ren MilkyWay@Home-Zeiten über unse­re eige­nen Foren-Pio­nie­re bis hin zu den KI-Mons­tern von heute.

Als Ende der 2000er Jah­re die ers­ten Gra­fik­pro­zes­so­ren für all­ge­mei­ne Berech­nun­gen abseits von Pixeln und Poly­go­nen geöff­net wur­den, ahn­ten wohl nur die Wenigs­ten, was das für die Wis­sen­schaft und das Dis­tri­bu­ted Com­pu­ting bedeu­ten wür­de. Mit dem Start von NVI­DI­As CUDA (2007) und dem offe­nen Gegen­stück Open­CL (2008) kam eine Lawi­ne ins Rol­len, die BOINC-Pro­jek­te wie MilkyWay@Home, Prime­Grid oder GPU­Grid für immer ver­än­dern soll­te. Auch das Nicht-BOINC-Pro­jekt folding@home setz­te früh auf die Unter­stüt­zung der GPU.

Wir als Planet3DNow!-Community saßen da mit­ten in der ers­ten Rei­he: Im Forum wur­de früh und heiß dis­ku­tiert, wie man AMDs Rade­on-Gra­fik­kar­ten für die Wis­sen­schaft ein­span­nen kann. Namen wie Gip­sel und indiana_74 dürf­ten vie­len von euch noch ein Begriff sein – ihre tech­ni­schen Arti­kel und Anlei­tun­gen haben damals unzäh­li­gen Usern den Ein­stieg ins GPU-Com­pu­ting erst ermöglicht.

Die gute alte Zeit der CPU-Dominanz
Wer­fen wir einen Blick zurück: Bis etwa 2008 lief bei BOINC fast alles stur über die CPU. Zwar hat­ten moder­ne Pro­zes­so­ren damals schon meh­re­re Ker­ne, aber deren Archi­tek­tur war eben auf Viel­sei­tig­keit aus­ge­legt. Ein typi­scher Desk­top-Quad­core schaff­te damals Rechen­leis­tun­gen im Bereich von ein paar mick­ri­gen GigaFLOPS.

Gra­fik­kar­ten tick­ten dage­gen schon immer anders. Sie wur­den für mas­siv par­al­le­le Berech­nun­gen gebaut. Selbst dama­li­ge High-End-GPUs schlepp­ten hun­der­te Rechen­ein­hei­ten mit, die exakt die­sel­be Ope­ra­ti­on gleich­zei­tig auf rie­si­ge Daten­ber­ge los­las­sen konn­ten. Der gro­ße Heu­re­ka-Moment kam, als Ent­wick­ler merk­ten: Vie­le wis­sen­schaft­li­che Algo­rith­men las­sen sich im Grun­de genau­so per­fekt par­al­le­li­sie­ren wie 3D-Grafik.

MilkyWay@Home und der Credit-Urknall
Das wohl spek­ta­ku­lärs­te Anschau­ungs­ob­jekt für die­sen Wan­del war MilkyWay@Home. Das Pro­jekt berech­net Model­le unse­rer Milch­stra­ße und nutzt dafür nume­ri­sche Ver­fah­ren, die wie gemalt für GPUs sind. Als die ers­ten Open­CL- und CAL-Apps für AMD-Rade­on-Kar­ten das Licht der Welt erblick­ten, gab es einen regel­rech­ten Leistungsschock.

Wo eine CPU damals Minu­ten oder gar Stun­den für eine ein­zi­ge Work­u­nit (WU) her­um­knus­per­te, flo­gen die spe­zi­ell opti­mier­ten Rade­on-Ver­sio­nen in weni­gen Sekun­den durch die Auf­ga­ben. Die Fol­ge? Eine abso­lu­te Explo­si­on bei den Credits!
Die Mit­glie­der Crunch3r, Gip­sel und Two­dee unse­res Forums waren damals maß­geb­lich an der Ent­wick­lung der ver­bes­ser­ten Ver­sio­nen betei­ligt und haben die­se dann der All­ge­mein­heit zur Ver­fü­gung gestellt.

Wer eine Rade­on HD 48xx oder spä­ter die legen­dä­re HD 58xx im Rech­ner hat­te, domi­nier­te die Rang­lis­ten fast nach Belie­ben. Unser Team von Pla­net 3DNow! war hier ganz vor­ne mit dabei – wir haben nicht nur ordent­lich Rechen­power bei­gesteu­ert, son­dern auch flei­ßig Feed­back an die Pro­jekt­be­trei­ber gelie­fert. Für vie­le von uns war das der ers­te ech­te Beweis, was GPGPU (Gene­ral Pur­po­se GPU Com­pu­ting) im All­tag leis­ten kann.

War­um sind GPUs eigent­lich so ver­dammt schnell?
Der Unter­schied liegt im Kon­zept: Eine moder­ne CPU setzt auf weni­ge, dafür aber extrem takt­star­ke und kom­ple­xe Ker­ne, um Befehls­fol­gen nach­ein­an­der abzu­ar­bei­ten. Eine GPU macht das Gegen­teil: Sie nutzt tau­sen­de, ver­gleichs­wei­se simp­le Rechen­ein­hei­ten, kom­bi­niert mit einer bra­chia­len Spei­cher­band­brei­te. Sie setzt auf maxi­ma­len Durch­satz statt auf nied­ri­ge Latenz.
Schon 2009 bügel­ten High-End-GPUs schnel­le Desk­top-CPUs im pas­sen­den Sze­na­rio locker um den Fak­tor 10 bis 30 – in Extrem­fäl­len sogar noch deutlicher.

Von 2009 bis heu­te: Die gro­ße Beschleunigung
Rich­tig wild wur­de es aber erst in den Jah­ren danach. Eine Rade­on HD 5870 – damals das Maß der Din­ge beim BOINC-Crun­chen – brach­te es auf rund 2,7 TFLOPS bei ein­fa­cher Genau­ig­keit (FP32). Schau­en wir uns an, wo wir heu­te stehen:

In gut ein­ein­halb Jahr­zehn­ten hat sich die rohe FP32-Leis­tung also locker mehr als ver­vier­zig­facht. Und bei spe­zi­el­len KI- und Ten­sor-Ope­ra­tio­nen flie­gen uns die Zah­len mitt­ler­wei­le kom­plett um die Ohren.

Das BOINC Pro­jekt mit den meis­ten spe­zia­li­sier­ten Anwen­dun­gen: PrimeGrid
Wie hef­tig das Gan­ze heu­te ist, sieht man gut am Pro­jekt Prime­Grid, das aktu­ell eine Gesamt­leis­tung von rund 2,9 Peta­flops mel­det. Wirft man einen Blick auf die Top-Hosts, thro­nen dort Sys­te­me mit NVI­DI­As RTX 5090, RTX 5080 oder wasch­ech­ten Pro­fi-Beschleu­ni­gern wie der A100. Ein­zel­ne Rech­ner schau­feln hier täg­li­che Cre­dit-Ber­ge weg, für die man frü­her ein gan­zes Rechen­zen­trum gebraucht hätte.

Auch die Effi­zi­enz ist eine ande­re Welt: Bei pas­sen­den Workloads schla­gen moder­ne GPUs die CPUs um den Fak­tor 20 und mehr. Was 2009 noch nach Sci­ence-Fic­tion klang, knus­pern die Rech­ner heu­te im Idle-Modus weg.

Die nächs­te Stu­fe: Rei­ne KI-Beschleuniger
Der Motor hin­ter die­ser rasan­ten Ent­wick­lung ist heu­te aller­dings nicht mehr nur die klas­si­sche Wis­sen­schaft, son­dern der mas­si­ve KI-Boom. Die gro­ßen Drei schla­gen dabei unter­schied­li­che Wege ein:

  • AMD: Setzt voll auf die Instinct-Serie. Die aktu­el­len MI300- und MI350-Beschleu­ni­ger ver­schmel­zen CPU- und GPU-Tech­nik in einem gemein­sa­men Spei­cher­raum – maß­ge­schnei­dert für gigan­ti­sche KI-Datencenter.
  • Intel: Ver­sucht mit den Gau­di-Beschleu­ni­gern und den Xe-Archi­tek­tu­ren Boden gut­zu­ma­chen, vor allem im Bereich KI-Infe­renz und Cloud-Computing.
  • NVIDIA: Bleibt der Platz­hirsch im HPC- und KI-Markt. Die Black­well-Gene­ra­ti­on befeu­ert der­zeit die mäch­tigs­ten KI-Super­com­pu­ter der Welt, wäh­rend sich CUDA längst als der unan­ge­foch­te­ne Indus­trie­stan­dard zemen­tiert hat.

Fazit
Die Ein­füh­rung von CUDA und Open­CL war der Urknall für das moder­ne Dis­tri­bu­ted Com­pu­ting. Pro­jek­te wie MilkyWay@Home haben uns schon vor 15 Jah­ren gezeigt, wel­che unge­heu­re Power in unse­ren Gra­fik­kar­ten schlummert.

Für vie­le von uns bleibt die Zeit der ers­ten Rade­on-Opti­mie­run­gen unver­ges­sen: Wenn WUs plötz­lich im Sekun­den­takt fer­tig wur­den, die Ser­ver-Sta­tis­ti­ken heiß lie­fen und das Forum von Planet3DNow! kol­lek­tiv am Opti­mie­ren war. Heu­te trei­ben die­se Chips die größ­te Tech-Revo­lu­ti­on unse­rer Zeit an. Aus den ver­spiel­ten Pixel­be­schleu­ni­gern von einst sind die Kraft­wer­ke der moder­nen Welt gewor­den. Die Revo­lu­ti­on läuft wei­ter – nur auf einem völ­lig neu­en Level!

Die Wer­te zei­gen jedoch auch, dass man durch­aus noch eini­ges für die Wis­sen­schaft bei­tra­gen kann — wenn man sein Sys­tem mit der BOINC Soft­ware ver­sorgt und es für unser Team bei den diver­sen Pro­jek­ten rech­nen lässt. Kommt im Dis­tri­bu­ted Com­pu­ting Forum vor­bei, hier wird jedem Inter­es­sier­ten gehol­fen und fin­det jeder sein Lieblingsprojekt.